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Dorothea Tanning

Am 25. August 2000 wurde die amerikanische Künstlerin Dorothea Tanning 90 Jahre alt. Aus diesem Anlass schickte die Stadt Brühl nicht nur Glückwünsche, sondern eröffnete am Tag zuvor eine Ausstellung zum Geburtstag, die anhand von Grafiken und Büchern einen konzentrierten Blick auf die Phasen ihres Werkes, auf die überraschende Vielfalt ihrer zeichnerischen Fantasie und auf ihr Gespür für die Poesie der Farben ermöglichte.

Geburtstagsausstellung im Jahr 2000

Max Ernst und Dorothea Tanning beim Schachspiel (Sedona, Arizona, 1948 - Bob Towers)
Max Ernst und Dorothea Tanning beim Schachspiel (Sedona, Arizona, 1948 - Bob Towers)

Das wohl bekannteste Werk von Dorothea Tanning ist 'Birthday' von 1942, über das sie in ihren Lebenserinnerungen schreibt: "Zuerst gab es nur das eine Bild, ein Selbstporträt. Es war nach heutigen Maßstäben eine bescheidene Leinwand. Aber es füllte mein New Yorker Atelier, das hintere Zimmer der Wohnung, als wäre es immer schon dagewesen. Tatsächlich, es war das Zimmer; plötzlich, eines Tages war mir die faszinierende Flucht der Türen aufgefallen - Flur, Küche, Bad, Atelier -, die sich da ballten und meinen Blick reizten mit grotesken Flächen, Licht und Schatten, drohendem Öffnen und Schließen. Von da aus war es ein leichter Sprung hinüber in den Traum von zahllosen Türen." Die Tür wird zur Metapher für das Betreten einer anderen Welt, für die Verwandlung. Auch die Zweige, die das Kostüm des Selbstporträts umgeben, unterliegen einer solchen Metamorphose: Arme, Beine, ganze Körper tauchen hier im Gestrüpp des Wurzelwerkes auf.

In der ersten grafischen Suite, die 1950 entsteht, wird dieser traumwandlerische Schritt ins Unbekannte fortgesetzt. Hier, in 'Les 7 péril spectraux', ist die Tür gleichzeitig Einband eines Buches. Eine weibliche Gestalt mit Schwanenkopf betritt die Seiten, eine Kerze erleuchtet das Dunkel der Fremde. In den folgenden Jahrzehnten illustriert Dorothea Tanning Texte und Gedichte von André Pieyre de Mandiargues, René Crevel, Alain Bosquet, Ghérasim Luca, Léna Leclercq, Jean Cassou, Eddy Batache, Stephen Yenser, James Merrill und Dorothea Tanning. Heute zählen Schriftsteller und Poeten zu ihrem engsten Freundeskreis.

Das Werk von Dorothea Tanning mit seiner halluzinatorischen Klarheit ist "zwischen dem inneren Auge und der anderen Seite der Tür" angesiedelt - so die Künstlerin selbst. Ihre letzte Einzelpräsentation in Deutschland lag damals über 35 Jahre zurück. Die Geburtstags-Ausstellung 'Dorothea Tanning "Birthday" - Grafiken und Bücher' war eine Möglichkeit, die Tür zu ihrem Oeuvre zu öffnen, die Poesie ihrer Bilder neu zu entdecken.

(geschrieben von Dr. Jürgen Pech)

Biografie von Dorothea Tanning

1910 Dorothea Tanning wird am 25. August in Galesburg, Illinois, geboren. Sie ist die zweite Tochter von Andrew und Amanda Tanning.

1916-26 Schulausbildung in Galesburg.

1927 Tätigkeit an der städtischen Bibliothek in Galesburg.

1928 Studium am Knox College, der Kunstschule von Galesburg. Illustrationen für Veröffentlichungen der Schule.

1930 Im August Aufenthalt in Chicago; arbeitet als Bedienung in einem Restaurant. Für kurze Zeit belegt sie Kurse an der Kunstakademie in Chicago.

1931 Auf der Weltausstellung in Chicago ist sie als Marionettenspielerin tätig. Im Oktober findet ihre erste Ausstellung mit Aquarellen in der Galerie einer Buchhandlung in New Orleans statt.

1935 Im Mai kommt sie nach New York und arbeitet als freiberufliche Illustratorin für Anzeigen.

1936 Ende des Jahres sieht sie auf der Ausstellung 'Fantastic Art, Dada and Surrealism', die im Museum of Modern Art stattfindet, erstmals Werke der Dadaisten und Surrealisten.

1937 Den Herbst und den Winter verbringt sie in San Francisco; sie zeichnet Umschläge und Karikaturen für das Monatsmagazin 'The Coast'.

1939 An Bord des Dampfers 'Niew Amsterdam' reist sie im Juli, einige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, nach Frankreich. Von Paris aus geht die Fahrt weiter nach Stockholm zu den Verwandten väterlicherseits. Im Oktober kehrt sie zurück nach New York.

1940 Sie gestaltet Werbeseiten, hauptsächlich für 'Macy's', und bezieht eine Wohnung in 327 East 58th Street.

1941 Sie begegnet dem Galeristen Julien Levy sowie dem Komponisten John Cage und dessen Frau Xenia. Heirat mit dem Schriftsteller Homer Shannon; die Ehe endet nach sechs Monaten, die Scheidung erfolgt ein Jahr später.

1942 Ende des Jahres lernt sie Max Ernst kennen und lieben.

1943 Im Januar Teilnahme an der Ausstellung '31 Women' in den Galerieräumen 'Art of This Century' von Peggy Guggenheim. Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit dem amerikanischen Künstler Joseph Cornell. Den Sommer verbringt sie mit Max Ernst auf einer 'guest ranch' in Sedona, Arizona.

1944 Im April findet ihre erste Einzelausstellung in der Julien Levy Gallery statt. Mit Julien und Muriel Levy sowie Max Ernst verbringt sie den Sommer in Great River auf Long Island.

1945 Im Herbst beteiligt sie sich als Schauspielerin an dem Film 'Dreams that money can buy' des deutschen Künstlers Hans Richter. Für das Ballett 'The Night Shadow' von George Balanchine entwirft sie die Bühnenbilder und Kostüme. Während der Arbeit erkrankt sie an Enzephalitis.

1946 Übersiedlung nach Sedona und Errichtung eines Holzhauses. Am 24. Oktober findet in Beverly Hills die Hochzeit von Dorothea Tanning und Max Ernst statt, gleichzeitig heiraten Man Ray und Juliet Browner.

1948 Der Galerist Julien Levy veranstaltet im Januar ihre zweite Einzelausstellung in New York.

1949 Im August Reise von New Orleans aus nach Paris.

1950 Bei dem Lithographen Edmond Desjobert arbeitet sie an ihrem ersten Album, das unter dem Titel 'Les 7 périls spectraux' veröffentlicht wird. Für 'The Witch', die neue Ballettproduktion von Balanchine in London, gestaltet sie wieder die Bühnenbilder und Kostüme; die Choreographie übernimmt John Cranko. Im Oktober Rückfahrt nach Amerika.

1952 'Bayou', ein weiteres Ballett von George Balanchine mit Musik von Virgil Thomson, entsteht. Im Sommer unterrichtet sie Malerei und Zeichnung an der Universität von Hawaii in Honolulu.

1953 Sie entwirft sowohl die Dekoration als auch die Kostüme für das Stück 'Will o the Wisp', das im Januar vom New York City Ballet aufgeführt wird. Im März kehren Dorothea Tanning und Max Ernst endgültig nach Frankreich zurück und beziehen in Paris zwei Mansardenzimmer am Quai Saint-Michel 13. Im Oktober reisen sie nach Köln, Brühl, Heidelberg und Basel. Ihre Radierungen werden im Atelier von Georges Visat gedruckt.

1954 Die Galerie Furstenberg zeigt im Mai ihre erste Einzelausstellung in Paris. Reise nach Italien und Besuch der Biennale in Venedig.

1955 Im Februar Einzelausstellung in der Arthur Jeffress Gallery in London. Übersiedlung nach Huismes in der Touraine.

1957 Darstellerin in dem Schachfilm '8 x 8' von Hans Richter.

1959 Sie erwirbt ein kleines Studio in der Rue St. André des Arts 27.

1960 Jean Desvilles dreht über Dorothea Tanning den Film 'Le regard ebloui'.

1961 Für das Stück 'Judith' von Jean Giraudoux gestaltet sie die Kostüme; die Bühnenbilder entwirft Max Ernst. Sie lernt den Komponisten Karlheinz Stockhausen kennen.

1963 Die Galerie 'Der Spiegel' in Köln organisiert im Sommer ihre erste Einzelausstellung in Deutschland.

1964 Das Amerika Haus in Berlin zeigt im Februar Gemälde, Zeichnungen und Collagen. Umzug von Huismes in das südfranzösische Seillans, wo das Künstlerpaar ein ehemaliges Gasthaus mit dem Namen 'Dolce vita' bezieht.

1967 Von Juni bis August findet im belgischen Knokke-le-Zoute eine Retrospektive statt. Pierre Chave in Vence druckt erstmals ihre Lithographien.

1968 Sie beginnt mit den Entwürfen für ein neues Haus in Seillans, das zwei Jahre später fertig gestellt ist und im Juni 1970 bezogen wird.

1969 Aus Stoff entstehen erste Plastiken.

1972 Sie begegnet dem Komponisten Robert Ashley.

1974 Das 'Centre National d'Art Contemporain' organisiert eine umfassende Retrospektive, die von Mai bis Juli in Paris gezeigt wird.

1976 Am 1. April stirbt Max Ernst.

1977 Das Centre Georges Pompidou, das im Januar in Paris eröffnet wird, präsentiert ihre Rauminstallation 'Hôtel du Pavot, Chambre 202'.

1978 Über Dorothea Tanning dreht Peter Schamoni den Film 'Insomnias'.

1980 Rückkehr nach New York.

1984 In Santa Monica entstehen im 'Litho Shop' des Künstlers Sam Francis Radierungen und Lithographien.

1985 Im Studio 'Derrière L'Etoile' von Maurice Sanchez werden in New York weitere Lithographien gedruckt.

1986 Der Verlag 'Lapis Press' in San Francisco veröffentlicht ihre Autobiographie 'Birthday'.

1990 Die deutsche Ausgabe der Lebenserinnerungen erscheint.

1992 Ihr graphisches Werk wird in der New York Public Library in einem Überblick gezeigt.

1993 Retrospektive in der Malmö Konsthall in Schweden, organisiert von Sune Nordgren.

1995 Der Film 'Birthday - Die amerikanische Malerin Dorothea Tanning', an dem Horst Mühlenbeck seit Anfang der neunziger Jahre gearbeitet hat, kommt in die Kinos.

1997 Ab dem Sommer entstehen 12 großformatige Gemälde, die im folgenden Jahr unter dem Titel 'Another Language of Flowers' veröffentlicht werden, begleitet von 12 Gedichten zeitgenössischer amerikanischer Poeten wie John Ashbery, James Merrill oder Stephen Yenser.

2004 Frau Tanning wird Ehrenmitglied der Max Ernst Gesellschaft





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Kontakt:

Max Ernst Museum

Landschaftsverband Rheinland (LVR)
Comesstraße 42 / Max-Ernst-Allee 1
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Fax: 02232 5793-130
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